ACDC präsentiert natürlichen Pflanzenschutz

Biologischer Balanceakt im Gewächshaus

Tomaten, Auberginen oder Erdbeeren finden ein ideales Klima im Gewächshaus.
Ebenso reifen beispielsweise Gurken vor Hagel und Nässe geschützt im Gewächshaus.

Doch diese Pflanzen haben auch im Gewächshaus viele Schädlinge, wie Wiesenwanzen, Rostmilben und Thripsen, weil ihnen das geschützte Klima ebenfalls behagt.

Wie Nützlinge möglichst effizient Schädlinge unschädlich machen, wie man sie dafür rechtzeitig ins Gewächshaus anlockt, dazu forscht Agroscope und hat verschiedene Antworten bereit.

Im Gewächshaus reifen Gemüse wie Tomaten, Auberginen oder Gurken geschützt vor Hagel, Hitze oder Nässe. Ebenso ist der gedeckte Anbau beispielsweise ideal für Erdbeeren oder Himbeeren oder zarte Kräuter wie Basilikum.

Gegenüber 12‘359 Hektaren Gemüse- und Früchteanbau im Freiland macht in der Schweiz jener im Gewächshaus mit 480 Hektaren knapp 4 Prozent aus.
480ha_k

Klimavorteil Gewächshaus

12359ha_w

Vorteile des gedeckten Anbaus:

Geeignet ist der gedeckte Anbau für zartes Gemüse und Obst, die über dem Boden reifen, nicht jedoch für Wurzelgemüse. Die Reifesaison kann durch Wärmeenergie beeinflusst werden. Doch der gedeckte Anbau muss ab 2035 CO2-neutral sein.

Schutz vor Hagel und Gewitter.

Sparsamer Wasserverbrauch mittels Tropfbewässerung.

Kreislaufsystem von Wasser und
Nährstoff beim Hors-Sol-Anbau,
spart 90 % des im Freilandanbau benötigten Wassers. Hors-Sol-Anbau-Zunahme von 120 auf 180 Hektaren in den letzten zehn Jahren.

Nachteile des gedeckten Anbaus:

Stahl, Glas oder Plastik: der
gedeckte Anbau braucht
kostspielige Bauten…

…und technische Installationen,
wie automatische Lüftung,
Klimaanlage und Heizung.

Gegen Schädlinge: lieber biologisch statt chemisch

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Pflanzen im Gewächshaus sind vor Hagel, Gewitter und Hitze, aber nicht vor Schädlingen geschützt.

Die wenige Millimeter grossen Schädlings-Insekten finden immer einen Weg ins Innere.

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Insektizide

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gegen Schädlinge im Gewächshaus werden heute kaum mehr gespritzt, denn,

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sie haben einen Erntestopp zur Folge von mehreren Tagen bis über eine Woche,
sodass reife Früchte und reifes Gemüse zu Kompost werden,

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sie vernichten auch die nützlichen Insekten, die Schädlinge in Schach halten,

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sie bewirken, dass Schädlinge mit der Zeit resistent werden und das Insektizid seine
Wirkung einbüsst.

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Nützlinge…

… gegen Schädlinge sind im
biologischen Pflanzenschutz
immer mehr die erste Wahl.

Es sind gezüchtete Insekten wie

  • Raubmilben (Pronematus ubiquitus) oder
  • Raubwanzen (Macrolophus pygmaeus, Orius laevigatus)

die gegen

  • Thripse (Thysanoptera),
  • Tomatenrostmilben (Aculops lycopersici) oder
  • Wiesenwanzen (Lygus partensis, Lygus rugulipennis )

eingesetzt werden.

Zeitpunkt für Nützlinge gesucht

Nützlinge werden im Gewächshaus
seit mehr als einem Jahrzehnt eingesetzt und dafür gezüchtet.
Doch nicht immer sind sie effektiv gegen die Schädlinge.
Thripse oder Läuse richten weiterhin Schaden an
Blüten, Blätter und Früchten an. Hier die bekannten Gründe:

Schädlinge haben die Pflanzen
bereits befallen, die Nützlinge sind noch nicht zur Stelle.

Die winzigen Schädlinge werden zu spät entdeckt.

Im Idealfall wirkt der biologische
Pflanzenschutz als Balanceakt. Es sind so viele Nützlinge rechtzeitig vorhanden, um die Schädlinge in Schach zu halten. So wird vorgesorgt, dass keine Insektenart überhand nimmt.

Tomatenrostmilbe: vom Winzling zum Schadensfall

Den Tomaten im Gewächshaus setzt seit Jahren ein besonders hartnäckiger Schädling zu. Es ist die Tomatenrostmilbe (Aculops lycopersici).

Der Tomatenrostmilbe ist sehr schwierig zu bekämpfen. Die Gründe:

4_Aculops_échelle

Im Nymphen-Stadium ist die Tomatenrostmilbe winzig, kaum 0,2 mm gross, von Auge gar nicht erkennbar. Zuerst ist sie weisslich, dann…

5_Tomatenrostmilbe1_Dylan

… wird sie gelb …

6_Tomatensostmilbe2_Dylan

… und vermehrt sich rasant: Nach 5 Tagen sind die Weibchen fähig, auf einmal bis zu 60 Eier zu legen. Innerhalb von drei Tagen verdoppelt sich die Population.

7_Gewächshaus_Tomaten_Schadbefall_2

Hat man die Tomatenrostmilbe erst einmal entdeckt,…

8_Insektizid_Tomaten_2

…dann ist es für den Einsatz von Schwefelspray oft zu spät. Die rasant sich vermehrenden Schädlinge können kaum
mehr eingedämmt werden.

Gefütterte Raubmilbe gegen Tomatenrostmilbe

Raubmilben hätten eigentlich Appetit auf die Tomatenrostmilbe, wie Laborexperimente zeigen.
Agrsocope Mitarbeiter Dylan Maret päppelt die allesfressenden Raubmilben mit Rohrkolben-Pollen auf.

Seit 2013 forschen Fachleute von Agroscope und der belgischen
Biobest Group nach der spezifischen Milbe, die sich dafür
am besten eignet.

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Verschiedene Sorten von Raubmilben
fielen unter Laborbedingungen erfolgreich über die Tomatenrostmilbe her.

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Doch im Feldeinsatz versagten sie, denn mit ihren langen Beinen können sie sich zwischen den Blatthaaren nicht bewegen und sterben ab.

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Die Raubmilbe Pronematus ubiquitus erwies sich jedoch als vielversprechend.

14_P.ubiquitus auf Blatt

Sie ist sehr klein und kann sich zwischen den Blatthaaren gut bewegen. Zudem ernährt sich auch von den Pollen der Tomatenblüten.

Allerdings, die Raubmilbe muss sich auf den Tomatenstauden über einen Monat im Voraus vermehren und sie muss gefüttert werden. Beim Versuch fütterte Agroscope Mitarbeiter Dylan Maret einmal pro Woche die Raubmilbe mit Rohrkolben-Pollen.

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Die Probe aufs Exempel

In drei Versuchsreihen wollte Agroscope Mitarbeiter Dylan Maret herausfinden, ob die gefütterte Raubmilbe die Rostmilbe im Gewächshaus effektiv bekämpft.

Die Szenarien:

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Szenario 1:
Bekämpfung der Tomatenrostmilben mit infizierten Pflanzen mit der Raubmilbe, die einmal pro Woche gefüttert wird.

Die Analyse:

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Während 8 Wochen pflückt Dylan Maret jede Woche in den drei Gewächshäusern je eine Probe mit ein paar Blättern und legt sie in ein Gefäss mit konservierendem Alkohol.

Szenario 2:
Bekämpfung der mit Tomatenrostmilben infizierten Pflanzen mit Schwefel, sobald Schäden sichtbar werden.

Die eingefangenen Milben, filtert er heraus…

Szenario 3:
Wachstum der mit Tomatenrostmilben infizierten Pflanzen ohne Schutz

…legt einen Orientierungsraster drauf,
um sie…

…. unter dem Mikroskop besser auszählen zu können. Nach genauer Analyse ergibt sich folgendes Bild:

szenario_02_unten

Schwefelspray: Einsatz Ende der Woche 4, sobald die ersten Schäden der Tomatenrostmilbe entdeckt werden.
Wirkt gut, aber erst wenn der Schaden schon gross ist.

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Ohne Pflanzenschutz bleiben die mit
Tomatenrostmilben infizierten Blätter
rund vier Wochen unentdeckt. Ende
der Woche 4 werden Schäden sichtbar,
danach nimmt die Population rasant
zu.

Raubmilbe reduziert Tomatenrostmilbe am besten

Gefütterte Raubmilben halten die Tomatenrostmilben gut fünf Wochen in Schach. Woche 6 und 7 bleibt die Population unter der Schadfallgrenze, erst in der Woche 7 steigt die Population der Schädlinge an.

Thripse-Rätsel

Gegen Thripsen, die vor allem Erdbeeren
schädigen, wird eine gute Strategie immer noch gesucht.
In seiner Forschung findet Agroscope Mitarbeiter Lucien Schneeberger zwar einige Antworten, aber auch neue Fragen.
4_Raubmilbe

Ausgesetzte Nützlinge, wie die Raubmilbe, sind dem Ansturm der stark sich vermehrenden Thripse oft nicht gewachsen.

5_Raubwanze_Orius_laevigatus

Raubwanzen würden die Blütenthripsen als natürliche Feinde kontrollieren. Bei den Erdbeeren sind sie jedoch, regional unterschiedlich, zu spät aktiv, meist erst im Juni anstatt schon im Mai.

Die Folgen sind:

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Beschädigte Blüten

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Früchte, die sich verfärben

9_Frücht_Brüche

Früchte, die aufbrechen

Durch die Kontrolle von Früchten und Blüten bei Schweizer Produzenten will Lucien Schneeberger herausfinden, weshalb der Befall von Thripsen Jahr für Jahr unterschiedlich ausfällt.

Fragen, die sich stellen:

  • Kennen Produzenten eine wirksame Strategie und haben deshalb wenig Thripse?
  • Oder ist das Aufkommen der Thripse primär wetterbedingt?
  • Gilt die Regel, dass ein trockener Frühling viele Thripse, ein nassfeuchter jedoch wenig Thripse hervorbringt?

Steinkraut gegen Thripsen wirksam, aber anders als gedacht

Die weissen Blüten des Steinkrauts (Lobularia maritima) ziehen viele Nützlinge an. Können die vom Steinkraut angelockten Nützlinge  die Thripse auf Hors-Sol-Erdbeeren dezimieren?
Fehlanzeige:
Auf den Erdbeeren mit oder ohne unterlegten Steinkraut-Installationen befanden den sich gleich viele Thripse.
Erstaunlich jedoch:
Es traten weniger Schäden bei den Erdbeeren auf, unter denen sich Steinkraut-Installationen befanden.
Eine neue Studie soll 2024 zeigen, ob Thripse die Pollen der Steinkraut-Blüten jenen von Erdbeeren vorziehen.

Erfahrenes Auge für wirkungsvolle Balance

«Der gedeckte Anbau ermöglicht in der Produktion mehr Anwendungen. Ein
toleranteres Vorgehen ohne Kahlschlag von Schädlingen.
Aber dieses Vorgehen erfordert Zeit, um die richtigen Lösungen zu finden.»
Gaëtan Jaccard
«Der natürliche Pflanzenschutz strebt nicht den Anbau ohne Schädlinge an. Die Idee ist, in einer Balance zwischen Nützlingen und Schädlingen die Pflanzen unterhalb der
Schadgrenze wachsen zu lassen.»
Louis Sutter

Die Umstellung auf natürlichen Pflanzenschutz ist ein Ziel im gedeckten Anbau von Obst und Gemüse. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln führte mit den Jahren dazu, dass viele Schädlinge dagegen resistent wurden. Weil auch die Nützlinge eliminiert wurden, ging das Wissen um den wirkungsvollen Einsatz von Nützlingen gegen Schädlinge verloren.

Gaëtan Jaccard, Leiter des gedeckten Anbaus des interkantonalen Office Technique Maraicher des Kantons Genf und Waadt in Morges:

«Das Wissen über Schädlinge
und das Entdecken derselben
ist äusserst wichtig. Das setzt
im gedeckten Anbau bei den
Produzenten viel Wissen und
Kontrollarbeiten voraus.»

«In der Forschung von
Nützlingen und von Schädlingen
im gedeckten Anbau stehen wir
bei gewissen Nutzpflanzen erst
am Anfang. Voraussetzung für
die möglichst wirkungsvollen
Einsatz mit Nützlingen ist
deshalb ein gutes Auge und
geschultes Personal, das
engmaschig die Pflanzen
überwacht.»

Louis Sutter, Agroscope-Forschungsleiter der Beeren und Medizinalpflanzen

Impressum:

ACDC: Büro Agile Communication DanChris © 2023
Christian Bernhart: Konzept, Text, Reportagefotos
Makro-Aufnahmen: Agroscope Conthey
Atelier Kislig Grafikdesign, Screendesign
atelierkislig.ch
Marc Dietschi, Programmierung, marcdietschi.com

Im Auftrag von Agroscope